
Die letzte Nacht in Sorrent war wunderschön lau. Und vor allem war sie getränkt in Limoncello. Als ich am nächsten Morgen die Augen öffnete, hörte ich kurz in mich hinein. Kein Kater? Sicher? Super Sache.
Der Morgen begann mit einem Frühstück und endete mit der Abreise. Oft bin ich traurig, wenn ich Orte vermutlich für immer verlasse – aber diesmal war ich mir gar nicht sicher. Hier war in den letzten Stunden so wenig und doch so viel passiert.
Für 10:30 Uhr hatte ich die Pompeji-Tickets bestellt. Und wie gewohnt waren wir auf die Minute pünktlich am Ticketschalter. Wir bemerkten sofort, dass das hier eine historische Ausgrabung und kein Nationalpark war. Die Organisation war bedeutend besser als am Vesuv. Wir hätten kein Ticket vorbestellen müssen – hier gab es ganz normale Tickethäuschen. Und mit oder ohne Ticket mussten wir uns für das Einlassbändchen anstellen.
Bis wir uns versahen, waren wir auch schon im Besitz eines solchen Bändchens. Vor einer Viertelstunde hatte ich noch über den Lageplan geschmunzelt, der aussah wie eine Zookarte. Jetzt wusste ich, warum man uns diesen Plan so vehement mitgeben wollte.

Pompeji ist eine Stadt. Und das ist absolut wörtlich gemeint.
Die gesamte begehbare Fläche hat die Größe eines großen Dorfs.
Vor uns lag der steinerne Stadteingang. Alles bestand aus sandfarbenem Stein, warm und stumpf im gleißenden Licht. Die Sonne brannte direkt von oben, und die Hitze sammelte sich über der hoch gepflasterten Straße — dieses flirrende Licht, das aussieht wie Pfützen, obwohl da kein Tropfen Wasser ist. Die Luft stand. Kein Lüftchen, kein Durchzug in den Gassen.
Wir waren mitten im alten Pompeji. Keine Technik, keine Werbetafeln, keine Souvenirstände. Nur Stein, Stille und diese seltsame Zeitlosigkeit.

Mit wackligen Schritten balancierten wir über das hohe Kopfsteinpflaster, den Stadtplan fest in der Hand. Eine Erfahrung, die jeder einmal machen sollte: Weit und breit kein Maps. Kein „In 300 Metern links“, kein „Route wird neu berechnet“. Nur du und der Plan. Jede Straße hat einen Namen, jedes Haus eine römische Nummerntafel. Und zwar keine neue — sondern eine, die seit fast zwei Jahrtausenden in den Stein geschlagen ist. Es war schon immer das Haus Nummer 38.
Wir gingen an einer alten Bäckerei vorbei. Im Steinofen schien fast noch das dünne Fladenbrot zu knistern. Vor meinem inneren Auge sah ich die Menschen, wie sie hier standen — vor 1.900 Jahren. Wahrscheinlich war die Stimmung aufgeheizt, ausgelassen, geschäftig. Einer diskutiert über Brotpreise, während der nächste, in eine Toga gehüllt, die neuesten Blondinenwitze zum Besten gibt. In der Tür steht ein Politiker, der versucht, das Gewusel mit seiner Wahlwerbung zu übertönen.
Wir waren mittendrin. Genauso wie die anderen hätten wir hier auf unser Brot gewartet. Vielleicht hätten wir mit dem genau abgezählten Geld gespielt. Und schließlich wären wir mit unserem noch warmen, frischen Brot aus der siedend heißen Bäckerei hinausgetreten — direkt auf das unebene Kopfsteinpflaster.

Nach einem lauten, impulsiven Feilschen auf dem Markt hätten wir alles für das Abendessen beisammen gehabt. Wir wollten gerade über die Straße gehen, als uns ein Pferdewagen mit voller Geschwindigkeit entgegen-trabte. Gerade noch so konnten wir zurückhüpfen. Und ja — wir wären gehüpft. Denn der Fußgängerüberweg besteht aus hohen Steinen mit breiten Lücken dazwischen, durch die die Räder der Kutschen passen.
Vermutlich hätten wir Platz gemacht, als uns auf dem Fußweg eine Kohorte römischer Soldaten entgegenmarschiert wäre. Hätten wir ordentlich gegrüßt? Wahrscheinlich schon. Die Soldaten wären mit ihrem metallischen Geklapper weitergezogen. Leise hätte man noch das glatte Leder ihrer Schuhe auf dem festen Lehmstein gehört.
Unser Haus wäre ein gutes Stück am Stadtrand gewesen. Mit Brot und Gemüse unter dem Arm wären wir über das kleine Mosaik vor der Tür gegangen — ein Mosaik, das jedem Fremden zeigt, wer hier wohnt.
Was wäre wohl auf unserem abgebildet gewesen? Vielleicht ein Kompass. Nur ohne Nordausrichtung. Nicht, weil wir orientierungslos sind — eher, weil wir uns nicht von einer festen Richtung bestimmen lassen. Wir gehen dahin, wo es uns hinzieht. Unsere Katze wäre bestimmt mit auf dem Muster gewesen. Als liebevoller Hausgeist. Als Hausherrin.

Und so wären wir in unser Haus getreten, hätten die Einkäufe zur Seite gelegt und es uns in unserem kleinen Paradies gemütlich gemacht. In der Mitte ließ das Haus eine Öffnung zum Himmel frei — ein Atrium. Wir sitzen zwischen den Blumen, die Martin gepflanzt hätte. Ein kleiner Schmetterling trotzt der Sommerhitze und schwirrt unbeirrt zwischen den Blüten hin und her.
Wir diskutieren über die Wahlwerbung vorhin in der Bäckerei. Und ich lasse mich darüber aus, dass Blondinenwitze im Jahr 79 n. Chr. wirklich aus der Mode sind. Hallo? Wie sexistisch ist das denn. Im Jahr 77 n. Chr. meinetwegen — aber jetzt?
Martin schmunzelt. Morgen wollten wir vormittags ins Badehaus. Ob wir wohl noch einen Platz bekommen würden.
Vor unserem Haus weht der Staub vorbei. Wir hatten Glück gehabt beim Kauf: Von vielen Stellen aus konnten wir einen Blick auf den Vesuv und die Bergkette erhaschen, die uns einkesselte. Der Berg hatte etwas Unheilvolles. Nur leider waren um unsere Stadt herum die Ernteeinnahmen viel höher als anderswo. Ob die Erde hier fruchtbarer ist? Könnte das mit dem Vesuv zu tun haben. Wir hatten keine Ahnung.
Unser Plan änderte sich. Wir wollten doch gleich los ins Badehaus. Mit unseren Handtüchern bewaffnet traten wir wieder hinaus in die sengende Hitze.
Im Badehaus angekommen hätten wir sofort gesehen, dass es hoffnungslos überlaufen gewesen wäre. All diese Menschen wollten ins seichte Wasser? Auf dem Absatz hätten wir kehrtgemacht.
So wären wir dann an einem der beliebtesten Knotenpunkte unserer Stadt gestanden. In einer langen Toga und in Ledersandalen. Meine Frisur wäre höher gewesen als die meiner Nachbarin. Ja, das war wichtig.
Ein Mann wäre auf uns zugetreten. Ein Mann von deutlich höherem Rang. Martin kannte ihn noch von der Universität in Roma. Nach einem langatmigen Gespräch hätte er uns für den Abend in seine Villa eingeladen. Eine zwanglose Gesellschaft, sagte er, nichts Besonderes. Nur ein Essen und die Präsentation eines neuen, deckenhohen Kunstwerks, das gerade fertig geworden war.
Da würden wir nicht nein sagen.
Er wohnte in einer Villa, in der jeder Quadratzentimeter mit Kunst und Farbe bedeckt war.

Es war spät geworden. Die Sonne stand schon tief im Westen. Unsere Füße brannten. In meiner Tasche fühlte ich den Schlüssel vom BMW. Warte mal — vom BMW? Ja. Es war Zeit zurückzukehren.
In Gedanken streiften wir die wunderbar luftige Toga ab und schlüpften zurück in Jeans und Shirt. Pompeji hatte uns komplett vereinnahmt, uns in seinen Bann gezogen. Es hatte uns auf eine Zeitreise eingeladen. Wir durften Geschichte erleben, sie fast selbst durchleben. Eine Müdigkeit durchzog unsere Köpfe. Wir hatten so viel gesehen, so viel gelernt, dass wir emotional und rational erschöpft waren.
Nachdem wir eine Ewigkeit den richtigen Ausgang gesucht hatten, saßen wir endlich vorn in unserem kleinen Kombi. Keiner sagte ein Wort. Keiner von uns fand Worte für das, was wir gerade erleben durften. Das war kein Live-Rollplay. Das war Geschichte zum Anfassen.
Nach einer kleinen Pause bemerkten wir beide, dass wir zu früh vom letzten Campingplatz abgereist waren. Den Pompeji-Ausflug hatten wir zuhause als Tagesausflug geplant. Mh… und jetzt? Wieder zurück? Nein. Da waren wir doch schon. Das kannten wir jetzt. Also weiter.
Wir googleten hin und her, zoomten uns auf Maps bis auf den kleinsten Kiesel heran. Schließlich fand ich einen Platz in den Weinhängen von Agerola. „Etwas alt“, stand in den Bewertungen. „Etwas klein. Super zum Wandern.“ Für eine Nacht würde es schon reichen.
Wir waren eine gute Stunde unterwegs. Wären wir schneller gewesen, wenn wir nicht die halbe Strecke hinter einem Traktor hergefahren wären? Vermutlich. Nur waren die Straßen so eng und serpentinenartig, dass man keine fünf Meter einsehen konnte, weil gleich die nächste unübersichtliche Kurve kam. Andererseits: Wir waren ja nicht auf der Flucht.
Und so wanden wir uns durch Weinberge, Bauernwiesen, Streuwiesen hindurch. Wir öffneten die Fenster. Eine warme, abendliche Sommerluft erfüllte uns. Der Duft von frisch gemähtem Gras und reifen Kirschen umspielte meine Nase.
War das noch das Italien, das ich aus den fürchterlichen Prospekten kenne? Das Italien, das dir ein undichtes Zelt in Bibione als Ort deiner Träume verkaufen möchte?
Im hohen Gras saß eine vollkommen reglose Katze. Sie durfte ihr Katzenleben allein bestimmen. Und sie hatte sich heute dazu entschieden, Stunde um Stunde vor einem Mauseloch zu sitzen. Warum auch nicht. Wir machen oft unsinnigere Dinge.
Wir erreichten ein kleines Dorf. Unser Navi lotste uns zielsicher zum Campingplatz von Paolo Genova. Ein kleines Fenster in einem bewohnten Torbogen stand weit offen, als wollte es sagen: „Herzlich willkommen. Hereinspaziert. Nur keine falsche Scheu!“

Eine warmherzige ältere Italienerin begrüßte uns schwungvoll, als wären wir alte Bekannte. Unser BMW parkte in der Hausdurchfahrt. Sie fragte uns verblüfft, ob wir wirklich mit einem so kleinen Auto und nur einem Zelt bewaffnet bis zu ihr gekommen waren. Sie war fantastisch.
Nachdem wir unser Zelt auf einer begrünten Fläche aufstellen durften – und zwar auf einer ganz besonderen – wurde es langsam ruhig. Der Platz, den sie uns zugeteilt hatte, war ein Parkettplatz. Erste Reihe. Der Ausblick: 4K-Auflösung. Über die komplette Seite zog sich ein Panorama über die Weinreben unter uns. Eine Reiterin auf einem Haflinger ließ sich in der Abendsonne durch die Landschaft tragen. Vögel zogen in Formation über den Himmel. Eine laue Priese wehte uns durch die Haare. Der erdige leicht süß- säuerliche Duft der reifen Trauben wehte zu uns hoch. In der Ferne hörten wir ganz leise ein italienisches Radio spielen.
Eine Landschaft wie ein Weckruf. Ein lautes, eindringliches: „Leg dein Handy zur Seite. Ich bin der Bildschirm.“
Und so saßen wir da. Barfuß auf unserer Isomatte. Mit Plätzen in der ersten Reihe.
Irgendwann musste ich mich von dieser Szene losreißen. Mit meinem Waschbeutel in der Hand und dem viel zu kleinen Handtuch über der Schulter war ich auf dem Weg unter die Dusche.
Heißes Wasser kostete einen Euro. Eher aus Faulheit, wie aus Geiz entschied ich mich zu einer sehr kurzen, sehr kalten Dusche. Ich hatte kein Geld mitgenommen, und war zu faul noch einmal den ganzen Weg zurück zu gehen.
Meine Haut war eiskalt als ich auf den von Abendsonne leuchtenden Weg hinaustrat. Der Campingplatzbetreiber erntete gerade die Kirschen vor dem Torbogen. Sein Radio dudelte knarzend einen italienischen Schlager. Er selbst stand mit einer Latzhose bekleidet auf der Leiter. Ein Mädchen lief schüchtern auf ihn zu. Sie hielt ihm zögerlich eine Schale entgegen. Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen füllte der ältere Mann sie. Als das Mädchen ihm ein paar Eurostücke entgegen streckte, winkte der Mann lachend ab. Ein Moment wie aus einem Kinderbuch. Nur das hier war die Realität. Gelebte Menschlichkeit.
Das Mädchen bedankte sich fröhlich und steckte sich gleich eine besonders rote Kirsche in den Mund.

Ich ging schmunzelnd weiter. Ein paar Schritte weiter lag ein roter Kater lang ausgestreckt in der Sonne. Auch er genoss den Sommer. Sein Fell schimmerte im goldenen Licht.
Als auch Martin geduscht war knurrte unser Bauch so sehr, dass wir uns sofort in saubere Sachen warfen und in Richtung Zentrum tiegerten.
In einem Gemüseladen konnten wir selbstgekelterten Wein probieren. Als wir ihn kauften, bekamen wir ihn stilecht in einer PET-Flasche mit Schraubverschluss. Wenige Häuser später sahen wir eine kleine Pizzeria mit überdachter Terrasse. Plastiktische, Papiertischdecken. Uns war das völlig egal. Wir wollten authentisch essen, nicht elegant. Ich kann mit einem Kellner mit Serviette über dem Arm nicht viel anfangen, wenn er mir nicht das Gefühl von Zuhause vermitteln kann. Die einfache Terrasse mitten im Dorf konnte das.
Als wir uns setzten, kam sofort ein sehr schüchterner Mann auf uns zu. Er legte verlegen die Menükarten vor uns. Wir merkten schnell, dass er nicht unhöflich war – er sprach einfach sehr gebrochenes Englisch, und es war ihm offensichtlich peinlich. Er versuchte uns halb auf Italienisch, halb auf Englisch zu begrüßen und wurde dabei hochrot. Er tat mir furchtbar leid. Ich versuchte, die Situation mit einer offenen, humorvollen Art etwas zu entspannen. Schließlich
bestellten wir per Fingerzeig zwei Pizzen, eine Flasche Wasser und eine Flasche Wein mit zwei Gläsern.
Ich beobachtete die Szene vor der Terrasse. Kinder rannten wild spielend und lachend die Straße hinunter. Die Teenagerin mit dem Haflinger ritt gerade nach Hause und rief die Kinder zur Ordnung – dem Pferd zuliebe. Ein Rollerfahrer auf einer Vespa flitzte durchs Bild. Konnte das alles hier wahr sein? Ich hatte fast Angst aufzuwachen.
Martin und ich sprachen über den Tag in Pompeji. Wenige Stunden später hatten wir so viele Eindrücke gesammelt, dass es sich nicht mehr wie derselbe Tag anfühlte.
Endlich brachte der Kellner uns die Pizzen. Die Getränke hatte er vorhin schon abgestellt. Sie dampften herrlich. Die Pizza in Neapel war lecker gewesen – aber das hier war ein ganz anderes Niveau. Das hier war echt. Leise. Warm.
Ohne Übertreibung war das die beste Pizza, die ich in meinen 30 Lebensjahren essen durfte. Der Kellner kam einmal zögerlich ins Bild geschlichen, genau in dem Moment, in dem ich einen großen Bissen im Mund hatte. Natürlich. Egal wo auf der Welt – es ist immer genau dieser Moment. Das muss eine geheime Absprache unter Servicepersonal sein.
Der Weißwein war hervorragend. Kühl, leicht sprudelig, etwas sauer. Wir googelten später den Wein und sahen, dass er nicht besonders teuer war – aber ein teurer Wein hätte diesen Moment ruiniert. Alles daran war so herrlich stimmig. Wir fühlten uns als Teil des Ganzen. Wir waren keine Touristen mehr, wir waren Reisende.
Ein Tourist steht außen. Macht Fotos von Sehenswürdigkeiten und geht wieder. Ein Reisender hingegen steht mitten drin. Ein Reisender darf die Gastfreundschaft und Schönheit der Welt sehen – aus der Position eines Einheimischen. Ein Reisender zu sein ist das größte Geschenk, das man unterwegs bekommen kann. Es ermöglicht, die Welt aus fremden Augen zu sehen. Das Leben aus einem anderen Winkel zu fühlen. Und wir waren heute zu Reisenden geworden.
Wir kauften dem Restaurant noch eine Flasche Wein ab und zeigten dem Kellner einen Text, den wir vorher extra übersetzt hatten. Wir wollten uns für die Gastfreundschaft und die phänomenale Pizza bedanken. Und genauso für seine herzliche, verlegene, wunderbare Bewirtung. Der Kellner freute sich riesig. Auch seine Chefin hinter dem Tresen lächelte übers ganze Gesicht.
Mit unserer Flasche Wein und einem vollen Bauch zogen wir von dannen. Wir gingen eine Straße entlang. Es war eine dieser Straßen, die man entlanggeht – und weiß, dass sie einen verändern kann. Und wir gingen sie.
Sie führte uns dem Sonnenuntergang entgegen. Vorbei an einem kleinen Bauernhof. Auf einer Wiese standen völlig unbekümmerte Tiere. Ein altes Pferd malmte frisches Gras, Kaninchen tollten hin und her. Zwei Hunde lagen entspannt mit einem beschützenden Auge am Zaun. Weiter entfernt umkreiste eine Katze die Beine einer alten Frau mit Kittelschürze. Die Frau kam auf uns zu, als wir so am Zaun standen. Sie rief uns auf italienisch etwas wie: sind die nicht alle brav zu. Ich entgegnete ihr mit Hand und Fuß wie süß ich die Kaninchen fand, die die Wiese gerade mit freudigen Bocksprüngen überquerten. Direkt an der Schnauze des Hundes vorbei. Dieser hob nur einmal kurz ein Schlappohr. Ein paar Hühner liefen glucksend zwischen den Pferdebeinen umher.
Wir folgten der Straße weiter- tief hinein in die Weinberge. Sie schlängelte sich leise durch die Reben hindurch. Wir hielten kurz inne. Hörten in die Landschaft hinein. Die Welt war ruhig geworden. Eine
Stille die leicht war- wie eine laue Abendbrise, umgab uns. Wir drehten uns um. Die Berge glimmen im Abendrot. Sie leuchteten episch.

Die Straße war mittlerweile ein Weg geworden. Und dieser führte uns immer höher, immer weiter in die Hügel hinein. Bis wir an eine alte Stadtmauer stießen. Sie hatte einen winzigen Durchgang. Gerade so um gebückt hineinzuschlüpfen.
Wir schlichen auf leisen Sohlen durch den Tunnel. Hier waren in der Abwesenheit von neugierigen Fingern kleine Stalagmiten gewachsen. Es war eine Herausforderung ihnen auszuweichen. Der Weg führte leicht nach oben. Es war stockdunkel doch am Ende des Tunnels sah ich ein blaues Licht hereinfallen. Behutsam ging ich auf die Öffnung zu. Mit jedem Schritt wurde sie größer.
Ich trat auf ein kleines Plateau. Vor mir lag die gesamte Welt. Und sie verschmolz mit dem Himmel. Der Horizont verschwamm. Das Azurblau des Himmels berührte das tiefe Saphirblau des Ozeans. Mein Körper fühlte sich an als würde er schweben. Nichts hatte mehr Gewicht. In mir war ein unbeschreibliches Gefühl von Leichtigkeit, von Frieden, von Hoffnung.
Weit im Nebel lag eine kleine Insel. Von der Seite fiel ein Hang rasch ab. Menschen hatten hier Häuser gebaut. Vereinzelt war in einem ein Licht zu sehen.
Hinter der Insel versank die Sonne im nichts.
Sie warf noch ein paar goldene Sonnenstrahlen auf das friedliche Meer unter ihr. In diesem Moment verschmolzen Himmel, Erde und Wasser. Sie waren eins. Die Elemente bedingten sich, ließen sich aber den Raum zu wirken. Zu sein.
Die Natur hatte uns an einer Zeremonie teilhaben lassen die epischer nicht sein könnte. Wir standen wortlos Hand in Hand da. Ohne etwas zu sagen, wussten wir beide, dass sich in diesem Moment unser Leben geändert hatte.
Wir waren mit stapelweise Plänen und Routen aufgebrochen, und waren durch Zufall, durch einen inneren Compass hier gelandet. Wir sollten hier sein. Wir sollten das hier sehen.
Durch Neugier und den Mut einfach ohne genauen Plan in die Welt hinauszugehen, hatte uns die Welt ein Spektakel geboten, ein Gefühl geschenkt, dass sich für immer in unseren Herzen eingebrannt hat.
Ein Gefühl, dass uns sagte, dass wir überall zu Hause sein konnten, wenn wir das wollten. Ein Gefühl, dass uns klein und ehrfürchtig werden ließ vor der Natur und ihrer Stärke. Aber auch ein Gefühl, dass leise flüstert: Du bist richtig, so wie du bist.
Ich war angekommen- nicht nur in Italien. Nein ich war bei mir angekommen. Ein Gefühl, dass ich mein Leben lang suchte.
Wir standen da, bis es komplett dunkel war. Solang bis die letzte Silbe, der Abspann des Tages verklungen war.
Keiner von uns beiden konnte sprechen. Wir hielten uns einfach nur in den Armen.
Zurück am Zelt. Nein zu Hause am Zelt köpften wir noch die Flasche Wein aus der Pizzeria. Da waren wir wieder. Mit einem leicht sauren Geschmack im Mund, auf unseren Parkettplätzen im Leben. Weit weg schrien sich Katzen an. Es war wie vorhin. Nur waren wir waren Andere.
Die Würfel waren gefallen: Wir würden nie wieder einen Fuß in eine All Inclusiv Anlage setzen. Hier draußen ist alles voller Leben.
Doch diese Ruhe ist trügerisch.
Im nächsten und letzten Teil werden wir noch einmal alles aus unserem kleinen Kombi herausholen.Es geht weiter nach Süden – dorthin, wo die Straßen enger, die Nächte lauter und die Überraschungen unberechenbarer werden.
Kommt eine letzte Etappe noch mit, falls ihr starke Nerven habt.Ohropax wären eine gute Idee.Ihr wärt besser vorbereitet als wir es jemals waren.
Und weiter geht's!
Falls ihr ihr aussteigt und noch etwas in Agerola bleibt, ist das auch in Ordnung.
Jetzt seid ihr dran.
Raus mit euch.
Habt Spaß.
Und passt gut aufeinander auf.

