
Als ich morgens den verwuschelten Kopf aus dem Zelt streckte, wurde mir klar, dass ich gestern nicht geträumt hatte. Der Morgen war kühl. Die taubedeckten Weinreben lagen ruhig im zarten Bodennebel unter uns. Alles war beim Alten und irgendwie doch nicht.
Noch verschlafen stapfte ich mit meinem Kosmetikbeutel Richtung Waschhaus – nur um kurze Zeit später genauso verschlafen zurück zu wackeln. Nachdem auch Martin aufgestanden war, machten wir uns einen Kaffee und ein paar Marmeladenbrote.
Wenn wir nur mit Zelt oder Auto unterwegs sind, essen wir ausschließlich Marmelade zum Frühstück. Unser Speiseplan steht und fällt mit unseren Möglichkeiten. Wir können Lebensmittel nicht kühlen. Also fallen Aufschnitt und Käse sofort weg. Auch Nussnougatcreme trennt sich bei den Temperaturen im Auto zuverlässig in Öl und Masse. Butter oder Margarine? Keine Chance.
Wir haben schon sämtliche Varianten durch: Kühltüte, feste Kühltasche, Kühlbox, akkubetriebene Kühlbox. Die einen bringen kaum Effekt, die anderen stehen wegen ihrer harten Form ständig im Weg. Bei vielen Stopps wird unendlich viel auf‑ und abgebaut, hin‑ und hergeräumt, gestapelt und gequetscht. Und genau hier erreicht die Kühlbox ihre Grenze: kleiner Nutzraum, großer Platzbedarf – und Strom brauchen sie auch. Eine ewige Mangelressource.
Also gibt es am Ende des Tages Dinge, die wir am selben Tag noch verbrauchen – oder eben Marmeladenbrote.
Als wir endlich mit Abbauen und Zusammenräumen fertig waren, saßen wir wieder vorne in unserem Combi. Unser Ziel: Ravello. Eine kleine Berühmtheit an der Amalfiküste. Uns sollte eine wunderschöne, sommerliche Stadt voller Atmosphäre und erwarten.
Als Route wurde uns die weltbekannte Strada Amalfitana, die Strada Statale 163, empfohlen. Na dann: los.
Die erste Strecke war wundervoll. Fast schon malerisch. Wenn man sich das Italien der 60er Jahre aus James Bond Filme vorstellt ist man schon sehr nah dran: enge Serpentinen durch kleine Bergdörfchen, eine atemberaubende Aussicht auf das klare, ruhige Meer, das am Horizont in einen azurblauen Himmel überging. Im Hintergrund ragten kleine Inseln aus dem Wasser. Die Temperaturen waren warm, aber nicht brüllend heiß. Die Luft roch nach Salz und Sommer.

Und mitten auf einer menschenleeren Straße ein rotes Mercedes Kabrio, Pierce Brosnan mit ledernen Fahrerhandschuhen und einem unterschwelligen Lächeln auf den Lippen das vor Geld nur so trieft. Neben ihm eine kühle Blondine mit roten Lippen und einem flatternden Seidenschal um die perfekte Frisur.
Genau ein solches Bild lag vor uns. Wir jedoch, fuhren immer noch unseren Combi. Nicht einmal ein Schiebedach konnte ich öffnen. Ich bot Martin unsere Arbeitshandschuhe an, da ich ihm keine Fahrerhandschuhe anbieten konnte. Er musste laut lachen.

Wir schlängelten uns durch die malerische Landschaft. Und ehe wir uns versahen, waren wir schon in Ravello.
Wir hatten uns gedacht, dass es vor und in der Stadt ein süditalienisches Verkehrsgedränge werden würde – aber darauf waren wir nicht vorbereitet. Wir mussten in vielen Kurven rangieren. Die komplette Strecke entlang der Küste war einspurig mit Gegenspur. Bei jeder Biegung hörten wir, ob
jemand entgegenkam. Und jedes Mal, wenn das der Fall war, musste millimetergenau umeinander herumgezirkelt werden.
Ein paar Kilometer vor Ravello hatte ich einen Streckenbeschreibung eines großen deutschen Automobilclubs über die Straße gelesen. Und sie war absolut perfekt. Ich habe in meinem Leben noch nie eine so lustige Reisebeschreibung gelesen.
Martin fuhr.
Ich sah zu ihm hinüber. Er war schweißgebadet. Die Luft im Auto war trotz vier offenen Fenstern zum Schneiden. Auf der Beifahrerseite fiel die Klippe über circa 200 Meter ab, auf der Fahrerseite schrammte der Spiegel um Haaresbreite an Felsen oder Hauswänden vorbei. Gegenüber hupte schon der nächste Reisebus.
Wir trieften beide in der Mittagssonne. Die Kupplung stank, die Bremsen glühten. Ich fühlte jedes Quietschen. Jedes Ächzen. Unser kleiner Kombi tat mir wirklich leid. Martin und er gaben Alles was sie hatten.
Ob ich Martin die Streckenbeschreibung von vorher vorlesen sollte? Sie las sich ungefähr so:
„Auf dieser einmaligen Panoramastraße können Sie einem wunderbar melodischen Hupkonzert lauschen.“
Ich konnte ihm diese legendäre Beschreibung nicht länger vorenthalten. Sein Nervenkostüm war so kurz vor der Detonation, dass er darüber nicht einmal lachen konnte. Vielleicht hörte er mich auch gar nicht mehr – das „melodische Hupkonzert“ hatte ihm vermutlich längst die Trommelfelle weggeblasen.
Der nächste Reisebus brüllte uns in dieser Sekunde schon wieder so in die Ohren, dass wir den Ton in den Zähnen spürten.
Und das ist alles, was wir über diesen speziellen Streckenabschnitt sagen können. Wir hören heute noch das infernale Hupen, riechen die geschundene Kupplung und fühlen die brüllende Hitze. Wenn das für den Automobilclub ein melodisches Hupkonzert gewesen sein sollte, dann möchte ich gar nicht wissen welche Musik auf Firmenfeiern gespielt wird. Ich werde mich für euch mal schlau machen, versprochen.
Von Dolce Vita war keine Spur mehr.
Die Straße führte uns hinab in den Stadtkern. Und so passierte, was passieren musste: Wir verkeilten uns zwischen Gegenspur und nachkommendem Verkehr – eingeklemmt zwischen einer Mauer und einer Hauswand. Niemand konnte mehr rangieren. Ich sah Martin an, er war im blanken Panikmodus. Aber wir konnten nicht tauschen. Ich weiß mir in solchen Situationen deutlich länger zu helfen, aber hier war Endstation. Nach einer Lösung suchend schnallte ich mich ab und drehte mich komplett um. Keine 5cm blieben uns. Und das Beste war, die nachkommenden Autos hupten schon. Bestimmt wollten sie uns einen Tipp geben dass wir einfach weiterfahren sollten.
Ein älterer Mann sprang sofort mit seiner Espressotasse auf, als er das bemerkte. Er eilte herüber und ordnete die Situation mit der gewohnten impulsiven Lautstärke. Keine drei Minuten später hatte er eine winzige Lücke geschaffen. Wir konnten uns zum Glück langsam wieder befreien. Der Mann sah uns dabei zu – mit einer Hand wies er Martin ein, mit der anderen schwenkte er die Crema seines Espressos hin und her. Für uns war es blanker Stress, für ihn eine willkommene Abwechslung.
Ravello lag zum Glück schnell hinter uns. Wir hatten zu Hause einen Campingplatz am Stadtrand herausgesucht. Ich sah das Schild schon von Weitem. Hier war die Straße zum Glück etwas breiter. Martin blieb bei laufendem Motor in der kleine Straßenausbuchtung sitzen, während ich mir die Lage ansah. Martin und das Auto atmeten nach dieser Etappe erst einmal durch.
Nun ist es so, dass BMW gern lange Motorhauben baut – so auch unsere. Der Weg hinunter zum Campingplatz war so steil, dass wir auf der kleinen Plattform am Ende mit dem Nummernschild aufgesessen wären. Und diese Plattform war nicht einmal das Ende des Abhangs, sondern eher eine winzige Wendemöglichkeit. Die Straße machte an diesem Punkt eine fast 180‑Grad‑Serpentine.
Wir wären aufgesessen und hätten das Auto an der Stelle der B‑Säule um 180° um die Kurve rangieren müssen. Selbst schräg in die Kurve zu fahren war keine Option – der Weg hinab war gerade so breit wie unser Auto.
Kurzum: Wir hätten das Auto rückwärts hinunterfahren müssen, um es nicht aufzusetzen. Das Problem war nur: Oben auf der Panoramastraße konnten wir nicht rangieren. Viel zu eng, viel zu unübersichtlich, viel zu stark befahren. Natürlich hätten wir Zentimeter für Zentimeter wenden können – aber die Schlange an wartenden Autos wäre vermutlich bis Rom gegangen.
Außerdem grollte das Innenleben unseres BMW‘s wie ein wütender Drachen. Es schien fast als würde unser kleiner Combi die Kante sehen und kurz überlegen, ob er einfach sterben sollte. Weder er noch wir wollten da runter.
So gaben wir dem flehen unseres Autos nach und fuhren wir kurzerhand weiter. Unser Weg führte uns Richtung Amalfi-Stadt. Die große namensgebende Sehenswürdigkeit der Region. Aber wir hatten die Nase voll. Und so verließen wir die Strada Amalfitana. Wir mussten ohnehin tanken.
Bei einem doppelten Espresso saßen wir auf billigen Plastikstühlen im Tankstellenbistro und googelten nach einem Campingplatz mit Strandzugang. Und so fiel die Entscheidung: Wir würden die Amalfiküste verlassen, und weiter nach Battipaglia hinter Salerno fahren.
Nachdem unser Auto wieder frisches Futter und eine saubere Frontscheibe bekommen hatte, waren wir wieder back on the Road. Jetzt war ich dran mit Fahren. Das Lenkrad glühte immer noch in meinen Händen. Als ich Martin aus dem Augenwinkel betrachtete, konnte ich mir dir Frage ob die Streckenänderung für ihn wirklich okay war sparen. Er lehnte erschöpft und klitschnass an der B- Säule. Anerkennend berührte ich seinen Oberschenkel.
Zwei Stunden und einen nervtötenden Stau später waren wir endlich da. Wir hatten uns bereits einen Campingplatz ausgesucht – mehr dem Namen nach als aus Wissen. Bewertungen und Bilder waren bei allen vier Plätzen so ähnlich, dass sie austauschbar wirkten.
Da wir noch einkaufen mussten, ergoogelte ich uns den nächsten größeren Supermarkt. Ich konnte mein Glück kaum fassen: ein ALDI. Wir waren müde und abgekämpft. Wir wollten einfach nur schnell drei bekannt Lebensmittel greifen, zahlen und verschwinden.
Als wir auf den Parkplatz rollten, entglitten mir jedoch die letzten Gesichtszüge.
Ich sah nicht das bekannte Logo. Weder Süd noch Nord. Nein – vor uns stand in großen Lettern: A Punkt L Punkt D Punkt I Punkt. Also A.L.D.I.
Fassungslos saßen wir auf dem Parkplatz und blickten durch die Windschutzscheibe auf das Supermarktschild über dem Eingang. Während der Motor schier vor Erschöpfung zitterte wussten wir nicht so genau wohin mit unseren Emotionen.
Ich war sauer. Sicher war ich mir aber nicht.
Beim Betreten des Ladens wurde uns endgültig klar: Das hier hatte nichts mit unseren Aldis zu tun. Und so suchten wir doch wieder zusammen, was wir brauchten. Wir planten gefühlt zwanzigmal um, was wir essen wollten, weil immer irgendeine Zutat fehlte.
Am Ende hätte ich lieber drei Schachteln rohe Eier gegessen, bevor ich noch eine Sekunde länger suchen musste. Aber dank Martins letztem bisschen Nervenkraft würden wir an diesem Abend doch noch etwas Vernünftiges zu essen bekommen.
Falls euch das Phasen Modell von Frau Kübler- Ross etwas sagt, kann ich euch unseren Zustand gern kurz einordnen. Wir befanden uns gerade eindeutig in der Akzeptanz- Phase. Wir hatten uns stoisch unserem Weg gefügt.

So fuhren wir schließlich zum Campingplatz.
Am Eingang zum Platz saßen drei ältere Frauen in Kittelschürzen auf Holzbänken. Wir stiegen aus, grüßten höflich und fragten nach einem Stück Wiese für unser Zelt. Eine der Frauen raffte sich auf und hörte sich unsere Bitte an. Eine kurze Denkpause später lamentierte sie uns mit beeindruckender Lautstärke die Ohren voll. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie uns mitteilen wollte. Es hätte alles sein können zwischen: „Natürlich haben wir den schönsten Zeltplatz südlich von Oslo für euch“ und „Was denkt ihr, wer ihr seid, mich in meiner Mittagspause zu stören. Verschwindet.“
Wir waren angemessen verwirrt.
Schließlich zeigte ich ihr mit den Händen ein improvisiertes Zeichen für Zelt, Schlafen, zwei Personen, zwei Nächte. Sie rollte mit den Augen und befahl uns, ihr hinterherzufahren.
Gesagt, getan. Wir wurden auf einen sehr schönen, von Blumenbüschen eingesäumten Platz eingewiesen – nahe des Waschhauses, teils überdacht, teils begrünt. Wir waren absolut zufrieden. Sie wies uns eine gefühlte Ewigkeit auf Italienisch in die Gepflogenheiten des Platzes ein. Soweit wir verstanden hatten, ging es um Ruhezeiten und Hygieneregeln. Nichts Ungewöhnliches. Brav dackelten wir hinter ihr her und hörten uns alles an, was sie uns erzählen wollte, bis wir endlich zu unserem Platz geschickt wurden.
Ich parkte unseren Leidensgenossen ein. Ich zog bewusst den Schlüssel ab. Beim Aussteigen tätschelte ich ihm anerkennend auf die Motorhaube. In Gedanken bedankte ich mich bei ihm, wie bei einem treuen Pferd. Wir waren sicher ohne Panne am Campingplatz angekommen.
Der Zeltaufbau lässt sich nur als routiniert beschreiben. Wir spulten unsere einstudierten Automatismen ab, um so schnell wie möglich ins angrenzende Meer zu kommen.
Gesagt, getan: Das Zelt stand, die Schlafsäcke waren ausgerollt, das Auto kühlte im Schatten ab – und wir sprangen kopfüber in die Brandung.
Den restlichen Nachmittag nutzten wir für einen Kaffee, einen Muffin und ein langes Nickerchen. Frisch ausgeruht und mit neuer Motivation ging es für mich unter die Dusche.
Meine Haare waren schon lang kaputt, vor allem in den Spitzen. Heute war ein super Tag für eine weitere Katastrophe. Sie würde die kleinste des Tages sein.
Kurzerhand versank ich kopfüber in den Tiefen des Autos um eine Papierschere zu suchen. Jetzt müssen alle Friseur*innen stark sein: Ich drehte mir den kleinen Seitenspiegel etwas nach außen und schnitt einfach drauflos. Mein Pony wurden um knapp die Hälfte kürzer – und plötzlich wieder kämmbar. Welch Wunder.
Für mich war der neue Haarschnitt vollkommen okay. Ich habe eh Wellen und Locken. Das wirbelt sich sowieso zurecht.

Martin sah mir mit hochgezogener Augenbraue dabei zu. Als er mich, so verrenkt beim Haareschneiden beobachtete, lächelte er voller Wärme und wandte sich wieder dem Topf vor sich zu. Er kochte gerade unser Abendessen.
Ich könnte dieses Kapitel nun abschließen mit den Worten: Wir genossen einen wundervollen, romantischen Abend am Strand, begleitet vom Klang der Wellen und dem Rufen der Möwen.
Aber so war es leider nicht. So hätte ich es mir gewünscht.
Viel eher explodierte um Punkt 22:00 Uhr ohne Vorwarnung die Disco la Bambini unmittelbar neben uns.

Martin sah mir geschockt in die Augen. Ich blickte ohne zu Blinzeln zurück. Das konnte jetzt nicht wahr sein.
Knappe 10 Meter neben uns hatten sich Kinder wie auch Erwachsene getroffen. Eine Frau legte die besten Sommerhits der 80er, 90er und von heute auf.
Wir hatten bis eben noch auf unserer Isomatte gesessen, und den Tag Revue passieren lassen. In der Sekunde, in der der Minutenzeiger auf zehn Uhr sprang, brach das Gespräch. Ich sah nur noch, wie sich Martins Lippen bewegten.
Nach dem ersten Schock tippte ich in mein Handy: „Sollen wir probieren ob wir mit den Noise Cancelling Kopfhörern einen Film schauen können? Ich kann zwei Paar Kopfhörer koppeln.“ Ich sah Martin nicken.
Im Zelt, wir beide mit Kopfhörern fest in die Ohren gepresst, strahlte uns der Handybildschirm ins Gesicht. Wir sahen wie Vlad und Mavis im Hotel Transsilvanien stritten, aber hören konnten wir keine Silbe der beiden.
Hatte ich vorhin gedacht, das Drama hätte seinen Zenit erreicht? Ja. Und wie. Mit voller Überzeugung. Selten tippte ich so falsch.
So lagen wir jetzt da. Über uns die grüne Zeltdecke.
Wir hätten an den Strand gehen können. Aber ehrlich gesagt war ich sogar zu müde, um Aufzustehen.
Ich öffnete den Reißverschluss des Zelteingangs. Die Kinder hüpften wie kleine Flummis vor Freude hin und her.
Martin nahm meine Hand.
Er klickte auf dem Handy die Untertitel an.
Der Abspann flimmerte Zeile für Zeile über den Bildschirm.
Teil zwei stand in den Startlöchern.
Langsam ebbte der Bass etwas ab. Es wurde leiser. Um 02:00Uhr war dann wohl doch Zeit für die Gutenachtgeschichte.
Ich fiel ohne Zähneputzen aber dafür mit offenem Schlafsack ins Koma.
Wir fanden nach den paar Stunden Schlaf nur schwer in den neuen Tag. Ich fühlte mich als wäre ich bis 5 Uhr morgens im Club gewesen. Mir tat alles weh. Auch Martin hatte schon frischer ausgesehen.
Irgendwann waren wir aber doch aufgestanden. Zusammen schleppten wir uns ins Waschhaus. Mit dem Zähneputzen und eiskaltem Wasser auf den Unterarmen kam die Energie zurück.
So langsam nahm ich meine Umgebung wahr.
Ich stand am letzten Waschbecken der Reihe, halb wach, halb tot. Neben mir waren 5 weitere Becken. Sie waren alle besetzt von Frauen in ihren 60igern. Und offensichtlich hatte ich in den ersten 10 Minuten, die ich wieder aktiv am Leben teilnahm eine Todsünde begangen. Mir fiel auch sekundengleich ein welche.
Ich hatte nicht gegrüßt.
Ich hatte einfach nicht gegrüßt.
Einfach so.
Nicht gegrüßt.
Jetzt musste ich mit den ablehnenden, kalten Blicken der Campingplatz Honoratinnen leben. Nach einer vernichtenden Stille drehten sie mir den Rücken zu, und unterhielten sich lebhaft weiter.
Ich wartete ungeduldig am Zelt. Ich platze fast, weil ich Martin nicht schnell genug von meinem Fauxpas erzählen konnte.
Als er sich jedoch kurze Zeit später neben mich plumpsen ließ, wirkte er als müsste ich ihm gleich einen Therapieplatz buchen.
„Was zur Hölle war denn los?“ fragte ich verwirrt.
„Das glaubst du nicht.“ War seine ernüchternde Antwort. Ich zog eine Augenbraue hoch. Noch schlimmer als Kalte Schulter zum Frühstück kann‘s sicher nicht gewesen sein.
Er erzählte davon wie er zwischen lauter alten Herren am Waschbecken stand, die sich nach dem Zähneputzen lautstark alle erdenklichen Körperöffnungen reinigten. Und zwar so dass alle Anwesenden live dabei sein durften wie sich einer der stattlichen Herren die Nase bis in die letzte Nebenhöhle reinigte. Ein anderer legte anscheinend großen Wert darauf sich den Rachen zu schrubben, bis der Vagusreiz ihn fast dahinraffte. Und das waren nur die erzählbaren Beispiele. Die Geräuschkulisse muss beeindruckend gewesen sein.
Ich lachte schallend los. Willkommen in Süditalien.
Martin sah mich kopfschüttelnd an. „Das war wirklich nicht schön. Überhaupt nicht schön.“
Nach dem Frühstück wollten wir uns Salerno ansehen. Martin zog bewaffnet mit Translator App, Stift und Zettel in Richtung Rezeption ab. Nach dem Vortrag bei der Ankunft, dachten wir uns es wäre wohl sicherer noch einmal nach den Ruhezeiten zu fragen.
Ha Ruhezeiten, dachten sich meine Augenringe.
Ich räumte das Frühstück auf, spülte ab, räumte im Zelt und im Auto zusammen, und wartete auf Martin.
Ich wartete und wartete und wartete. Und es passierte rein gar nichts. Ich wollte mich schon fast aufregen warum Martin so trödelte. Wir wollten ja schließlich heute noch los.
Als er wieder kam sah er aus als wäre er aus einer Schlacht zurück. Er hatte wirklich keinen guten Vormittag.
„Was zur Hölle ist jetzt schon wieder passiert?“ war inzwischen meine genervte Standardfrage.
Die Italienerin mit der Kittelschürze vom Vortag konnte ihm leider nur begrenzt helfen. Um genau zu sein: Sie hatte nicht verstanden, was Martin überhaupt von ihr wollte.
Was soll's.
Wir fuhren mit unserem Auto vom Platz. Salerno bot leider nicht besonders viel. Wir schlenderten ein wenig durch die absolut funktionale Innenstadt. Um 14:00 Uhr hatten wir dann soweit alles gesehen.
Am Platz angekommen waren wir der Meinung, 14:30 Uhr sei eine akzeptable Zeit, um leise und sehr langsam zu unserer zugeteilten Parzelle zu rollen.
Selten lag ich falscher.
Nichtsahnend grüßten wir die Platzwartin und ihre Leidensgenossen am Eingang und rollten im Schritttempo eines kranken und sehr alten Bernersennenhundes an den dreien vorbei.
Wir wähnten uns schon in Sicherheit, als es lautstark fuchtelnd und lamentierend über uns hereinbrach.
Um ehrlich zu sein, verstanden wir schon bei der ersten Silbe, wo das Problem liegen mochte. Aber an diesem Punkt unseres Urlaubs hatte ich keinen einzigen Nerv mehr übrig. Und so passierte das, was wohl unvermeidbar gewesen war: Martin rollte schon mal prophylaktisch die Augen.
Die Kittelschürzen-Frau pöbelte mich direkt an. Ich pöbelte auf Englisch zurück. Hallo? 14:30 Uhr! Sie wurde immer lauter, mir gingen die Vokabeln aus.
Wenn ich die Situation von außen durch Martins Augen beschreiben würde, klänge das vermutlich so:
Dolce Vita ham se gesagt. Sandstrand, Eis, Sonnenbrand — ist schön, ham se gesagt. Musste mal gemacht haben, ham se gesagt.
Aber wenn ich jetzt nach links sehe, sehe ich weder Strand noch Eis.
Okay, Sonnenbrand schon.
Und ich sehe Patricia, wie sie wild auf Deutsch pöbelnd auf die Radiouhr des Autos hämmert.
Oh nein, jetzt kommen die Punchlines.
Erzählt sie der Italienerin gerade etwas von Ruhezeiten? Ja, tut sie.
Wenn ich jetzt tief durchatme und mir das Strandbild beim Zahnarzt an der Decke vorstelle, vergeht die Zeit bestimmt schneller.
„Ich bin Deutsche! Erzähl mir nichts von Mittagsruhe!“ Hat sie jetzt nicht gesagt?! Oder?
Schreien die jetzt beide gleichzeitig? Na super. Das dauert jetzt noch.
Nächsten Sommer geht’s eindeutig an die Nordsee. Halbpension, Strand, Ruhe, fertig aus.
Oh nein, jetzt hat sie den Motor ausgemacht.
Wie lang hält ein Mensch ohne Wasser im Auto aus? Ich frag nur mal vorsichtshalber.
Was soll ich sagen: Ich habe die Diskussion nicht gewonnen. So stellte ich unser Auto in der Einfahrt ab. Mit einem schnippischen „Aber zum Zelt laufen darf ich schon noch? Ich kann auch schleichen“ zogen wir an den Wächterinnen vorbei.
Was mich dann aber bei einem versöhnlichen Kaffee doch wieder erheiterte, war die konkrete Umsetzung der Ruhezeitenregelung. Ich saß neben Martin mit einer dampfenden Tasse Kaffee im Schneidersitz auf unserer Isomatte. Uns brüllten vier Fernseher — aus jeder Himmelsrichtung einer — mit unterschiedlichen Kanälen an. Ich sah in meinen Kaffee. Ich wartete darauf, die Schallwellen zyklisch auf der Oberfläche beobachten zu können. Ungefähr so, wie sich in Filmen das große Böse ankündigt.
„Ruhezeiten“, murmelte ich.
Wir verbrachten den Tag am Strand. Um Schlag 16:00 Uhr stand ein Scherge der Kittelschürzen-Frau vor mir. Ich blinzelte durch meine Finger in die Richtung, aus der der Schatten auf mich fiel. Ein Mitte-70-jähriger Mann erklärte mir, ich sollte mein Auto JETZT aus der Einfahrt Richtung Parzelle bewegen.
„Und was ist, wenn ich JETZT aber keine…“ begann ich.
Martin drehte finster den Kopf in meine Richtung. „Si va bene“, entgegnete er dem Mann. Sein Blick sagte mir unmissverständlich: Wir sind jetzt fertig mit lamentieren.
Der Rest des Abends verlief wenig spektakulär: Duschen, Kochen, Essen, Strandspaziergang im Sonnenuntergang. So ruhig, so romantisch.
Punkt 22:00 Uhr — Start der nächsten Runde Kinderdisko. Eins muss man ihnen lassen: Pünktlich sind sie ja.
Ich schrie Martin durch den wummernden Bass ins Ohr: „Gut, dass wir Nachtruhe haben. Was packen die für Subwoofer aus, wenn sie’s krachen lassen?“
Der Morgen begann für uns wie immer. Nichts Spektakuläres, nichts Erwähnenswertes. Vielleicht hatte ich mich auch langsam eingelebt. Heute Morgen im Waschhaus hatte ich sogar gegrüßt. Auf Italienisch.
Bei unserem obligatorischen Weißbrot-mit-Marmelade-Frühstück überlegten wir, wie es jetzt weitergehen sollte. Fünf Urlaubstage waren noch übrig. Bis nach Hause waren es knapp 1300 Kilometer.
Und so fassten wir den Plan, etwas mehr als die Hälfte der Strecke heute direkt auf den Kilometerstand unseres Kombis zu fahren.
660 Kilometer später standen wir in Levanto bei Cinque Terre, irgendwo zwischen Bologna und Genua.
Wir checkten auf einem Campingplatz ein, der mit Sicherheit eine deutsche TÜV-Prüfung mit Fleißsternchen bestehen würde.

Die nächsten Tage verbrachten wir wie absolut normale Durchschnittscamper. Kein Abenteuer. Keine Eskalationen. Keine Schlafplatzsuche. Einfach nur Strand, Pizza, Eis, Espresso, Sonnenbrand und Abendspaziergänge an der Strandpromenade.

Als ich wenige Tage später unseren kleinen, unendlich treuen eisblauen 1er BMW vor dem Haus parkte, machte sich ein merkwürdiges Gefühl breit.
Vor knapp zwei Wochen sind wir genau hier aufgebrochen. Im Gepäck hatten wir stapelweise Pläne, noch mehr Routenbeschreibungen und einen Berg an Equipment. Als der Motor langsam auskühlte, wurde mir klar, dass das der schönste Urlaub überhaupt war. Nicht weil er ruhig und erholsam war. Gott nein! Die letzten zehn Tage waren heiß, pulsierend, chaotisch — ein Wechselbad der Emotionen. Und genau das war fantastisch.
Beim Aussteigen tätschelte ich unmerklich die Motorhaube unseres Gefährten. Ein stilles „Danke für Alles“ schlich sich durch meine Gedanken.
Seid ihr noch alle da? Ist unsere Amalfi-Reisegruppe noch vollständig? Sehr schön. Bei so viel Chaos kann ja doch mal jemand verloren gehen.
Wer sich schon mal quer durch meine anderen Geschichten geschmökert hat, kann erahnen, wo wir uns gerade befinden: Genau an unserem Küchentisch. Ich schreibe die letzten Zeilen der Amalfi-Odyssee — mit der Katze auf dem Schoß und dem prasselnden Regen vor dem Fenster.
Ich lese jede Zeile mindestens fünfmal durch, bevor ich sie euch überhaupt zumute. Und bei jedem Komma träume ich mich zurück. Die Amalfiküste hat uns gefordert, aber auch wachsen lassen. Ich durfte in einem italienischen Bergdorf lernen, was wirklich wichtig ist. Ohne die Existenzkrisen im Schlamm vor Sorrent würdet ihr keine einzige Zeile dieser Geschichte lesen können.
Nach den ersten hundert Kilometern dachten wir noch, wir würden einfach in den Italienurlaub fahren. Ein Standardziel eben. Aber es ist etwas viel Größeres passiert. Wir haben unterwegs uns gefunden. Los sind wir als zwei Menschen in einem Kombi voller Gerümpel. Angekommen sind wir als Pauschalpiraten mit einem Gefährten der uns durch jeden Sturm trägt.
Wir haben unterwegs viele Nerven verloren. Gewonnen haben wir dafür etwas viel Größeres: das Gefühl, überall zu Hause sein zu können. Wir haben uns ein „Überall-zu-Hause-Gefühl“ geschenkt. Ich behaupte nicht, dass uns heute nichts mehr erschüttern könnte. Aber ich bin überzeugt, dass wir seit diesem Roadtrip deutlich fester im Sattel sitzen.
Und nun?
Erlebt eure eigenen Abenteuer.
Lasst euch von niemandem einreden, Urlaub sei eine Geldfrage.
Raus mit euch.
Habt Spaß.
Und passt aufeinander auf.
Ihr glaubt gar nicht, wie viel es mir bedeutet, dass ihr bis zum Ende drangeblieben seid. Danke dafür.
Vielleicht sehen wir uns ja wieder. Eventuell in schwedisch Lappland, Kolumbien, auf Gotland — oder doch in Griechenland?
